Zur erfolgreichen Leitung landwirtschaftlicher Betriebe gehören schon lange nicht mehr nur das notwendige Fach- und Faktenwissen über die Zusammenhänge rund um die Notwendigkeiten von Feld und Vieh. Die anhaltende technische Transformation von Arbeitsprozessen benötigt zusätzlich eine immer höhere technische Kompetenz und die Veränderung der Gesellschaft in ihren grundlegenden Fragen positioniert Bäuerinnen und Bauern immer mehr in ein diabolisches Spannungsfeld. Eingezwängt zwischen einer schwachen ökonomischen Entwicklung der konventionellen Landwirtschaft und dem gesellschaftlichen Misstrauen, stellen immer mehr Milchviehbetriebe ihr Produkti- onsverfahren auf extensive Formen um oder die Tierhaltung wird überhaupt aufgegeben. Im Hinblick auf die grundlegende Tatsache, dass 2/3 der pflanzenbaulichen Produktion in Österreich nur durch Wiederkäuer verwertet werden können, ist das eine so bedenkliche Entwicklung, dass eine einfache Fortschreibung der Vergangenheit aus gesellschaftspolitischen Gründen der Ernährungssicherheit nicht akzeptiert werden kann. Die dringend notwendige Modifikation, vor allem der konventionellen Landwirtschaft, muss im Interesse aller Stakeholder der gesamten Wertschöpfungskette vorangetrieben werden.

Der landwirtschaftliche Beitrag dazu ist die Entwicklung und Umsetzung einer konventionellen Produktionsform, die ihre Produktionsleistung eng an die natürlichen Möglichkeiten der Betriebsstandorte anpasst. Der derzeit definierte Referenzrahmen sieht die Förderung der Bodenfruchtbarkeit und eine Erhöhung der Artenvielfalt ebenso vor, wie einen reduzierten Einsatz von mineralischem Dünger und eine Umsetzung des Konzeptes des integrierten Pflanzenschutzes. Im Bereich der Tierhaltung knüpfen geschlossene Nährstoffkreisläufe im Pflanzenbau in der Art an, als der Zukauf von Futtermitteln limitiert wird. Tierische Leistungen werden damit optimal mit der Nährstoffdichte des Standortes verbunden. Dies fördert gemeinsam mit verbesserten Haltungsformen das Tierwohl. Der Kreis der Produktionsaspekte wird mit einer einfachen Umweltbewertung und einem Klimaschutzplan abgerundet. Alles in allem steht diese als Standortgerechte Landwirtschaft bezeichnete Produktionsform für das Beste aus beiden Welten: Die Produktionsleistung soll die natürlichen Möglichkeiten der Standorte so weit als möglich ausnutzen und die Gesellschaft kann mit ihren Wünschen weitgehend friktionsfrei anschließen. Das notwendige Commitment zwischen Landwirtschaft und Konsum kann, das ist verständlich, nicht auf dem Rücken von minimalen Grenzerträgen umgesetzt werden.

Die österreichische Landwirtschaft liefert seit langem hochwertige Lebensmittel zu vergleichsweise günstigen Preisen. Dies war möglich, weil die bäuerlichen Betriebe den Spielraum zwischen Produktionskosten und Erlösen ausgereizt haben und gesellschaftliche Transferzahlungen bedeutende kompensatorische Wirkungen erreichen konnten. Über viele Jahre haben bäuerliche Familien mit ihren geringen Lohnkosten dieses System im Gleichgewicht gehalten. Mit dem Anstieg der Betriebsmittelkosten seit Herbst 2021 wankt das System. Im Verlauf des Jahres 2022 wird es auf intensivierten Betrieben mit hoher Betriebsmittelabhängigkeit fallen. Wir haben es noch in der Hand: Entweder verändern wir die konventionelle Landwirtschaft in die vorgeschlagene Richtung oder wir werden zunehmend von anderen Produktionsgebieten abhängig. Der Konsum wird den Preis so oder so zahlen: Bei heimischen Produkten durch höhere Lebensmittelkosten mit mehr Qualität, Klimaschutz und Versorgungssicherheit oder bei Importprodukten mit Qualitätsabschlägen und Abhängigkeiten.

Dr. Thomas Guggenberger

HBLFA Raumberg-Gumpenstein, Raumberg 38, 8952 Irdning-Donnersbachtal thomas.guggenberger@raumberg-gumpenstein.at

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